Deprecated: Function ereg() is deprecated in /home/www/webEdition/we/include/conf/we_conf.inc.php on line 40
Angela Rabenstein-Wischnewski, Texte für Lebenswissenschaften, Biotechnologie, Medizintechnik, Umwelttechnologie, Marine Wissenschaften, Ozeanographie, www.awkom.de

Startseite > Arbeitsbeispiele > Meeresbiologie/Meereswirtschaft

Das Meer als Lebens- und Wirtschaftsraum

Fachbeitrag in "Technological horizons - and the sea" ,
140 Jahre Germanischer Lloyd, Unternehmenspublikation

Kapitel: The Future - II Population, Food And Water
Titel: "Unutilised resources - the sea as a living and working habitat"
Text (deutsch): Angela Rabenstein, Übersetzung ins Englische: Andrew Craston

Das Meer als Lebens- und Wirtschaftsraum


Wie eine blaue leuchtende Kugel sieht sie aus. Die Erde, aus dem Weltraum betrachtet. Die Meere bedecken rund 70 Prozent unseres Planeten. Und fern der Küsten reichen sie bis in eine durchschnittliche Tiefe von 3000 bis 5000 Metern. Ihre blaue Farbe wird durch das von ihnen zurück geworfene Sonnenlicht bestimmt - beim näheren Blick enthüllt sich eine Vielzahl an Nuancen.


Foto: Armin Rose, aus ice & magic antarctica and more

Klares Türkis dort, wo das Wasser wenig Nährsalze und Schwebstoffe enthält. Meist hinter mächtigen Korallenriffen, wo schwebende Algenzellen sofort herausgefischt werden. In Küstennähe lassen gelöste Humusstoffe und pflanzliches Plankton mit einem hohen Anteil Grünalgen das Meer grünlich erscheinen. Die in Nord- und Ostsee in großer Zahl vorkommenden Kieselalgen verschieben seine Farbe ins Braune.
Das pflanzliche Plankton ist nicht nur Hauptnahrung für unzählige Meerestiere. Es steht auch am Beginn der marinen Nahrungskette, spielt eine zentrale Rolle in den wichtigen Stoffkreisläufen der Erde und produziert einen Großteil des Sauerstoffs, den wir einatmen.

Höheres Leben gibt es ungeachtet der Tiefe überall im Ozean

Von der gesamten Biosphäre - dem Lebensraum für Mensch und Tier auf der Erde, war das Meer noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts, der am wenigsten erforschte.
Am meisten konnte man über die küstennahen Ökosysteme berichten: Korallenriffe, Mangroven, Seegraswiesen oder Watten. Oder über die flachen Meere, die leichter zu erkunden waren und wirtschaftlich viel genutzt wurden. Die Tiefen der großen Ozeane hielt man lange Zeit aufgrund ihrer Dunkelheit, Kälte und dem hohen Wasserdruck jenseits von 800 Metern für ein lebensfeindliches Biotop. Damalige Wissenschaftler kamen zu der Einsicht, mehr über die Oberfläche des Mondes zu wissen, als über den Grund der Meere.

Die moderne Meeresforschung begann mit der Expedition der britischen Challenger in den 1870er Jahren und der deutschen „Valdivia“ 1898.  Im Jahr 1960 brachte die Expedition von Jacques Piccard zum tiefsten Punkt der Erde die Erkenntnis: Höheres Leben gibt es ungeachtet der Tiefe überall im Ozean. Piccard war auf den Grund des Marianengrabens getaucht, knapp 12000 Meter unter dem Meeresspiegel.

Munteres Leben in einer Umgebung von hohem Druck, großer Hitze
und totaler Finsternis 


Siebzehn Jahre später kam noch Erstaunlicheres hinzu: In unmittelbarer Nähe zu hydrothermalen Quellen auf dem Grund der Tiefsee - in einer Umgebung von hohem Druck, großer Hitze und totaler Finsternis -  entdeckte man riesige Würmer, Muscheln und Krabben. Es sind eigene Biotope an den Lücken der ozeanischen Erdkruste,  wo heißes sulfid- und metallhaltiges Meerwasser heraussprudelt, mit der kalten Umgebung reagiert und die ausgefällten Metalle schlotartige Strukturen bilden. In Anlehnung an die Fabrikschornsteine vergangener Zeiten nennt man sie „Black Smoker“. Die dort beheimateten Lebewesen zeigen ungewöhnliche  Lebensstrategien. Bis heute gehen viele Wissenschaftler davon aus, dass an diesen Stellen das Leben auf der Erde begonnen haben könnte.

Auch nach diesen Entdeckungen blieb die Tiefsee lange Zeit noch so fremd wie ein ferner Planet. Expeditionen dorthin erforderten einen gewaltigen technischen Aufwand, waren dementsprechend kostspielig und die in Aussicht gestellten Bodenschätze schwer zu bergen. Meeresforschung wurde hauptsächlich in Gebieten betrieben, die für Taucher mit vergleichsweise einfacher Technik erreichbar waren.

Im Jahr 2000  begaben sich 1700 Wissenschaftler im multinationalen Großprojekt „Census for Marine Life“an die Aufgabe, eine Bestandsaufnahme sämtlichen Lebens in den Weltmeeren zu machen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren etwa  1,5 Millionen Arten beschrieben worden. Davon rund 250.000 Spezies als Meereslebewesen dokumentiert. Da aber der größere Teil der Biosphäre unter Wasser liegt, vermutete man, dass der biologische Reichtum der Meere weitaus größer sein würde.

Reiche Mineralvorkommen in der Erdkruste

Satellitenmessungen zeigten: Die Meere verbergen eine Großlandschaft, ebenso vielgestaltig wie das Land. Mit Bergen, Tälern, Hochplateaus und ausgedehnten Gebirgszügen. Nur ist ihre Fläche viel größer als die der Landmassen. Reiche Mineralvorkommen entdeckte man überall dort, wo die tektonischen Platten der Erde zusammenstoßen oder auseinanderstreben -  wo Vulkantätigkeit heiße Quellen entstehen lässt wie die „Smokers“.

Im 21. Jahrhundert wurde die Tiefsee zum Schwerpunkt ozeanischer Forschung. Biologen, Geologen, Physiker, Chemiker, Ingenieure, Ökonomen und Rechtsexperten leisteten alle ihren Beitrag zu dieser interdisziplinären Aufgabe. Das war zu einer Zeit, als zwei Dinge einen langsamen Bewusstseinswandel einleiteten. Erstens, das absehbare Versiegen der Erdölvorkommen auf der Erde und zweitens die globale Erwärmung - der Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur, als Folge des zunehmenden Kohlendioxid-Gehalts der Atmosphäre seit Beginn der Industrialisierung.

Über die weltweite Forschung zur Klimaveränderung berichtete seit 1988 das Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC). Beobachtungen per Satellit mit lückenlosen akribischen Messungen ermöglichten einen globalen Blick von oben auf die Erde und ihre Atmosphäre. Man wusste, die Ozeane spielen eine wichtige Rolle bei der Kontrolle des Klimasystems. Unklar war, ob sich die Zirkulation infolge der globalen Erwärmung ändern würde.


Eine starke globale Erwärmung hätte zur Abkühlung des westeuropäischen Klimas geführt

So paradox es klingt: Eine starke globale Erwärmung hätte zu einer deutlichen Abkühlung des westeuropäischen Klimas geführt. Das gemäßigte Klima verdanken wir dem Golfstrom, der warmen Oberflächenströmung, die Wassermassen aus tropischen Gefilden in den Nordatlantik transportiert und Wärme an die Atmosphäre abgibt.
Das bevorstehende Ende des Erdölzeitalters trieb vor 140 Jahren die Suche nach neuen Energiequellen an. Die Erkenntnis über die globale Erwärmung, die messbar auf menschliche Aktivitäten  zurückging, brachte die Notwendigkeit und den Willen, die negativen Einflüsse zu stoppen und nachhaltig zu wirtschaften. Mit den verbleibenden Ressourcen ging man so  sparsam wie möglich um.

Die genaue Kenntnis der Meere und die detaillierten Informationen über die marinen Ökosysteme und deren komplexes Zusammenwirken waren entscheidend dafür, dass wir die Meere bis heute schützen konnten und sie als Nahrungsquelle und Wirtschaftsraum für kommende Generationen erhalten haben.

Die Natur stellt Energien bereit, die alle menschlichen Bemühungen in den Schatten stellen

Im Rückblick wissen wir, was der notwendige Schritt dafür war: Die Einsicht, dass wir die Kräfte der Natur effizient nutzen lernen, an die wir herankommen, ohne lange danach suchen zu müssen: Die Lichtenergie der Sonne, die jeden Tag zuverlässig auf die Erde trifft. Die Kraft der Gezeitenströme, die im kosmischen Takt riesige Wassermassen um unseren Planeten bewegen. Und die Energie der Winde, die in enormen Geschwindigkeiten Luftmassen bewegen können.
Die Natur stellt Energien bereit, die alle menschlichen Bemühungen in den Schatten stellen.

Die Meere nutzen wir heute stärker für wirtschaftliche Zwecke als jemals zuvor und doch sind seine Ökosysteme intakter als vor 140 Jahren. Das verdanken wir nicht nur der globalen Energiewende und dem Wasserstoffantrieb unserer Fahrzeuge oder unseren schnelleren technologischen Entwicklungen. Es ist auch ein Verdienst eines konsequenten Managements unseres Wasserplaneten.
Die Aufteilung der Ozeane und ihrer Nebenmeere in die Marine-Eco-Zones.

Nur weil wir die Einhaltung dieser Zonen für Transport- und Reiseschifffart, für Fischfang- und Fischerholungszone, für Ausflugstourismus, Energiegewinnung, Meeresbergbau, Forschung und für die Meeresnationalparks sorgsam kontrollieren, können wir das Meer immer noch als Nahrungsquelle nutzen und beim Urlaub am Meer weitgehend intakten Ökosystemen begegnen.****

Copyright: Angela Rabenstein-Wischnewski, 2007

zum Seitenanfang